Nicht die Berechnung ist das Problem – sondern die Daten dahinter
Die Diskussion rund um Product Carbon Footprints (PCF) wird häufig als methodische Herausforderung geführt. Standards wie ISO 14067 oder das GHG Protocol sind jedoch längst etabliert. In der Praxis zeigt sich ein anderes Bild: Der Engpass liegt nicht in der Berechnung, sondern in der Datenbasis. Genauer gesagt – in der Stückliste.
Für Sustainability Manager, LCA Specialists und Product Compliance Verantwortliche wird die BOM (Bill of Materials) damit zum kritischen Erfolgsfaktor. Wer hier keine belastbare Struktur hat, wird keinen belastbaren PCF erzeugen.
Inhaltsverzeichnis
1. PCF ist primär ein Datenproblem
Ein PCF ist nur so gut wie die Daten, auf denen er basiert. Während die methodische Seite standardisiert und auditierbar ist, bleibt die Datenlage in Unternehmen oft fragmentiert, unvollständig und nicht für Sustainability-Bewertungen ausgelegt.

85% der Befragten in unserer diesjährigen PCF-Studie (2026) in Zusammenarbeit mit der LMU München geben an, dass weniger oder gleich 15% aller Ihrer Lieferanten Primärdaten liefern – davon ein erheblicher Anteil ≤ 5%
Das führt zu einem strukturellen Problem:
Die gesamte PCF-Pipeline – von der Datenerhebung über die Modellierung bis zum Reporting – ist nur so stabil wie ihr schwächstes Glied. Und dieses liegt in den meisten Fällen in der Stückliste.
2. Typische Probleme bei Stücklisten
1. Unvollständige Daten
In vielen Stücklisten (BOMs) fehlen relevante Komponenten oder zentrale Attribute. Kleinteile, Verpackungen oder elektronische Bauteile werden häufig nicht vollständig erfasst. Noch kritischer: Gewichte, Materialangaben oder Lieferanteninformationen sind oft nicht vorhanden.
Die Folge ist eine systematische Untererfassung von Emissionen – und damit ein verzerrtes Gesamtbild.
2. Falsche oder zu grobe Materialklassifikation
Materialangaben wie „Plastic“ oder „Metal“ sind für die Produktion ausreichend, für eine CO₂-Bilanz jedoch unbrauchbar. Ohne Differenzierung – etwa zwischen ABS, Polycarbonat oder glasfaserverstärkten Kunststoffen – lassen sich keine belastbaren Emissionsfaktoren zuordnen.
Ähnlich problematisch ist die fehlende Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundärmaterialien, insbesondere bei Metallen.
3. Inkonsistente Datenstrukturen
In der Praxis existieren oft mehrere Datenquellen: ERP, PLM, Excel-Listen. Materialien werden unterschiedlich benannt, Strukturen sind nicht harmonisiert, und es fehlt eine einheitliche Systematik.
Das Ergebnis ist ein hoher manueller Aufwand für LCA-Spezialisten – und eine erhöhte Fehleranfälligkeit.
4. Outsourcing als strukturelles Datenrisiko
Durch die langfristige Auslagerung von Produktion – insbesondere nach Asien – fehlt in vielen Unternehmen heute eine belastbare Datengrundlage. Stücklisten sind unvollständig, fragmentiert oder schlicht nicht mehr vorhanden, da Wissen über Materialien und Prozesse außerhalb der eigenen Organisation liegt.
Klassisches Daten-Enrichment greift hier zu kurz. Gefragt sind intelligente PCF-/BOM-Lösungen, die fehlende Strukturen rekonstruieren und mit Unsicherheiten umgehen können. Gleichzeitig wird sich dieser Trend weiter verstärken – bei steigenden Anforderungen an Transparenz.

Implikationen für Organisation und Steuerung
Die Folgen sind klar:
- Hoher Abstimmungsaufwand zwischen Funktionen
- Verlust an Datenhoheit über eigene Produkte
- Eingeschränkte Entscheidungsfähigkeit
Richtig genutzt, kann die PCF-Thematik jedoch zum Hebel werden, um Transparenz zurückzugewinnen und die Steuerung entlang der Wertschöpfungskette wieder zu stärken.
3. Warum klassische Stücklisten (BOMs) nicht PCF-fähig sind
Die Ursache liegt in der ursprünglichen Zielsetzung der Stückliste. Eine klassische Stückliste (BOM) ist auf Produktion, Einkauf und Kostenoptimierung ausgerichtet – nicht auf Nachhaltigkeit.
Es fehlen drei zentrale Dimensionen:
- Ökologische Anschlussfähigkeit: Keine standardisierte Verknüpfung zu LCA-Datenbanken
- Granularität: Aggregierte Baugruppen statt materialgenauer Aufschlüsselung
- Materialtiefe: Keine Differenzierung innerhalb von Komponenten
Damit ist die klassische Stückliste (BOM) funktional korrekt – bildet jedoch Nachhaltigkeitsanforderungen nicht ab.

4. Praxisbeispiel: Wenn Daten fehlen, wird der PCF unbrauchbar
Ein typisches Szenario aus der Praxis:
Ein elektronisches Produkt soll bilanziert werden. Die Stückliste enthält:
- Keine Gewichte für Leiterplatten
- Materialangaben wie „Metal“ ohne Spezifikation
- Kunststoffkomponenten ohne Typdefinition
In der Folge müssen Annahmen getroffen werden: Durchschnittswerte, Proxy-Daten oder Schätzungen. Die Unsicherheit steigt schnell auf ±30 bis 50 Prozent.
Für das Management bedeutet das:
- ESG-Reports werden angreifbar
- Produktvergleiche verlieren ihre Aussagekraft
- Audits werden zum Risiko
Ein PCF ohne belastbare Stückliste (BOM) ist nur eine grobe Näherung – keine Entscheidungsgrundlage.
5. Lösungsansatz: Die strukturierte Stückliste (BOM) als Enabler
Die zentrale Stellschraube liegt in der systematischen Aufbereitung der Stückliste. Ziel ist eine „PCF-fähige Stückliste (BOM)“, die als belastbares Datenmodell dient.
1. Standardisierung der Datenstruktur:
Klare Definitionen für:
- Materialklassen
- Gewichte
- Lieferanten
- Prozessinformationen
Einheitliche Strukturen schaffen Vergleichbarkeit und Skalierbarkeit.
2. Material-Mapping:
Interne Materialbezeichnungen müssen systematisch auf LCA-Datenbankeinträge gemappt werden. Dafür braucht es:
- Einen zentralen Materialkatalog
- Informationen zu Legierungen
- Eindeutige Zuordnungslogiken
- Governance für Pflege und Erweiterung
3. Anreicherung fehlender Daten:
Nicht alle Daten werden sofort verfügbar sein. Entscheidend ist der strukturierte Umgang damit:
- Regelbasierte oder modellgestützte Gewichtsschätzungen
- Integration von Lieferantendaten
- Nutzung von Sekundärdaten mit klarer Kennzeichnung
Transparenz ist wichtiger als vermeintliche Genauigkeit.
4. Integration in bestehende System:
Langfristig muss die Stücklisten (BOM)-Aufbereitung in bestehende Systemlandschaften integriert werden:
- Verknüpfung von ERP, PLM und Nachhaltigkeitstools
- Automatisierung statt manueller Excel-Prozesse
- Kontinuierliche Datenpflege statt einmaliger Projekte
Die Stückliste erweitert sich damit von einem Kosten- zu einem relevanten Dateninstrument für Nachhaltigkeit.
6. Before/After: Was eine PCF-fähige Stückliste (BOM) ausmacht
Vorher (klassische Stückliste (BOM)):
- Material: „Plastic“
- Gewicht: nicht angegeben
- Struktur: aggregierte Baugruppen
- Keine Verbindung zu Emissionsdaten

Nachher (PCF-fähige Stückliste (BOM)):
- Material: „ABS (virgin)“
- Gewicht: 120 g
- Struktur: komponentenscharf
- Verknüpfung zu Emissionsfaktor (kg CO₂e/kg)

Telusio Einschätzung: Die Stückliste ist Engpass und Hebel zugleich
In der Praxis scheitern rund 80 % der PCF-Initiativen nicht an Methodik oder Tools, sondern an der Qualität der Stückliste.
Unternehmen, die ihre Stückliste (BOM) strukturiert und PCF-fähig aufbauen, schaffen sich einen klaren Vorteil:
- belastbare CO₂-Daten
- auditierbares Reporting
- skalierbare Prozesse
Die Investition in Datenqualität zahlt damit direkt auf Nachhaltigkeit, Compliance und Wettbewerbsfähigkeit ein.





