Scope-3-Emissionen reduzieren: Die wichtigsten Hebel für Industriehersteller

Dr. Johannes Weibl25. Oktober 2026 · 4 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Bei Industrieherstellern entsteht der Großteil der Emissionen in der Lieferkette und in der Nutzung der verkauften Produkte, also in Scope 3.
  • Die größten Hebel liegen meist bei den eingekauften Gütern (3.1) und, bei energieverbrauchenden Produkten, in der Nutzungsphase (3.11).
  • Reduktion setzt Messbarkeit voraus: Wer eingekaufte Güter nur nach Einkaufsvolumen in Euro bilanziert, kann Erfolge wie den Umstieg auf CO₂-reduzierten Stahl in der Bilanz nicht zeigen.
  • Rechnen Sie damit, dass Ihre Scope-3-Werte beim Umstieg auf genauere Daten zunächst steigen können. Das ist kein Rückschritt, sondern bessere Transparenz.

Eine CO₂-Bilanz zu erstellen, ist der erste Schritt. Der zweite ist schwieriger: die Emissionen tatsächlich zu senken. Bei Scope 1 und 2 liegen die Maßnahmen in der eigenen Hand – effizientere Anlagen, Ökostrom, ein elektrifizierter Fuhrpark. Bei Scope 3 hängen sie von Lieferanten, Materialien und Kunden ab. Dieser Beitrag zeigt, wo die größten Hebel liegen und wie Sie strukturiert vorgehen.

Warum Scope 3 der größte Hebel ist

In produzierenden Unternehmen machen die Scope-3-Emissionen meist den größten Teil der Gesamtbilanz aus. Eine Analyse von Arthur D. Little beziffert allein die vorgelagerten Emissionen in anlagenintensiven Branchen auf bis zu 90 % des CO₂-Fußabdrucks. Wer nur Scope 1 und 2 reduziert, bewegt also oft nur einen kleinen Teil.

Hinzu kommt der Druck von außen: Kunden fragen nach Reduktionszielen und Fortschritten, und die Science Based Targets Initiative verlangt von vielen Unternehmen eigene Scope-3-Ziele. Der im Juni 2026 veröffentlichte Corporate Net-Zero Standard 2.0 richtet diese auf die Scope-3-Kategorien aus, die jeweils mehr als 5 % der Scope-3-Emissionen ausmachen.

Schritt 1: Hotspots finden

Bevor Sie Maßnahmen planen, müssen Sie wissen, wo die Emissionen entstehen. Eine CO₂-Bilanz (CCF) zeigt die Verteilung auf die Scope-3-Kategorien. Für die Reduktion reicht das aber nicht: Sie müssen sehen, welche Materialien, welche Lieferanten und welche Produkte den größten Anteil haben.

Typische Hotspots bei Industrieherstellern:

  • Stahl, Aluminium und Kupfer in Gehäusen, Rahmen und Antrieben
  • Kunststoffe und Elektronikkomponenten
  • energieintensive Zukaufteile wie Guss- und Schmiedeteile
  • bei Maschinen und Geräten: der Energieverbrauch in der Nutzung

Oft konzentrieren sich die Emissionen auf vergleichsweise wenige Materialgruppen und Lieferanten. Dort lohnt es sich anzusetzen.

Schritt 2: Die richtige Datengrundlage schaffen

Viele Scope-3-Bilanzen beruhen bei den eingekauften Gütern auf der spend-based-Methode: Einkaufsvolumen in Euro mal Branchendurchschnitt. Für eine erste Übersicht ist das brauchbar, für die Reduktion nicht. Denn die Bilanz reagiert auf Preise, nicht auf Materialien:

  • Sie wechseln auf CO₂-reduzierten Stahl, der teurer ist → spend-based steigt Ihre Bilanz.
  • Die Rohstoffpreise fallen → spend-based sinkt Ihre Bilanz, ohne dass Sie etwas getan haben.

Erst eine aktivitätsbasierte Bilanz nach Material und Gewicht macht Ihre Maßnahmen sichtbar: Sinkt der Emissionsfaktor je Kilogramm, sinkt die Bilanz. Noch genauer wird es mit Product Carbon Footprints Ihrer Lieferanten.

Rechnen Sie mit einem Effekt: Wenn Sie von Schätzwerten auf lieferantenspezifische Daten umstellen, können die ausgewiesenen Scope-3-Emissionen zunächst steigen. Das bildet die Realität genauer ab und sollte gegenüber Management und Stakeholdern offen erklärt werden – idealerweise mit einer Neuberechnung des Basisjahres.

Schritt 3: Die wichtigsten Hebel in der Lieferkette

1. Lieferanten einbinden

  • PCFs für die wichtigsten Zukaufteile anfragen, mit klarer Vorgabe zu Standard und Systemgrenze (siehe PCF nach Catena-X, TfS oder PACT).
  • Lieferanten nach eigenen Klimazielen und Reduktionsplänen fragen.
  • Mit den größten Lieferanten gemeinsame Reduktionsprojekte vereinbaren, etwa beim Strombezug oder bei Prozessen.

2. Materialien wechseln

  • CO₂-reduzierter Stahl, Aluminium mit hohem Recyclinganteil, Rezyklat statt Neuware bei Kunststoffen.
  • Wichtig: Nur mit einer Bilanz nach Material und Gewicht wird dieser Wechsel als Reduktion sichtbar.

3. Produkte anders konstruieren

  • Leichtbau und Materialeffizienz: weniger Material bei gleicher Funktion.
  • Modularität und Reparierbarkeit verlängern die Lebensdauer.
  • Die EU-Ökodesign-Verordnung verstärkt diesen Ansatz.

4. Einkauf steuern

  • CO₂-Kriterien in Ausschreibungen und Lieferantenbewertung aufnehmen.
  • Bei vergleichbaren Angeboten den Lieferanten mit dem niedrigeren PCF bevorzugen.

5. Transporte optimieren

  • Verlagerung von Luft- auf See- oder Schienenfracht, bessere Auslastung, regionale Beschaffung.

Schritt 4: Hebel in der Nutzungsphase

Bei energieverbrauchenden Produkten wie Maschinen, Motoren oder Pumpen entfällt oft ein großer Teil der Emissionen auf die Nutzung beim Kunden (Kategorie 3.11). Effizientere Antriebe, intelligente Steuerungen oder geringerer Standby-Verbrauch senken dann nicht nur Ihre Scope-3-Emissionen, sondern auch die Betriebskosten Ihrer Kunden – ein starkes Verkaufsargument.

Schritt 5: Ziele setzen und Fortschritt messen

  • Basisjahr und Ziel festlegen, z. B. nach der Science Based Targets Initiative.
  • Kennzahlen definieren: etwa Emissionen je Kilogramm eingekauftem Material, Anteil der Einkaufsemissionen mit Lieferanten-PCF oder Anteil der Lieferanten mit eigenen Klimazielen.
  • Jährlich mit gleicher Methodik bilanzieren, damit Fortschritte nachweisbar werden.
  • Maßnahmen in einem Plan bündeln: Ein Transformationsplan verbindet Bilanz, Zielpfad und Maßnahmen und ist über das BAFA-Programm Modul 5 bis zu 70 % förderfähig.

Telusio Einschätzung

Scope-3-Reduktion scheitert selten am fehlenden Willen, sondern an der Messbarkeit. Solange eingekaufte Güter nur nach Euro bilanziert werden, bleiben Materialwechsel und Lieferantenprojekte in der Bilanz unsichtbar – und damit auch gegenüber Kunden, Banken und Ratings.

Der Weg zur Reduktion beginnt deshalb mit einer Bilanz, die Materialien, Gewichte und Lieferanten abbildet. Wie wir eingekaufte Güter nach Material und Gewicht bewerten und Hotspots nach Material, Lieferant und Standort sichtbar machen, zeigen wir auf unserer Seite zur CO₂-Bilanz (CCF). Für einzelne Produkte finden Sie mehr unter Product Carbon Footprint.

Dr. Johannes Weibl, Geschäftsführer von Telusio
Dr. Johannes Weibl · Geschäftsführer

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