
Dr. Johannes Weibl25. Oktober 2026 · 5 Min. LesezeitDas Wichtigste in Kürze
Wer zum ersten Mal einen Product Carbon Footprint (PCF) erstellen muss, stößt schnell auf eine Grundsatzfrage: Wo endet die Bilanz? Am Werkstor, beim Kunden oder erst auf dem Recyclinghof? Die Antwort legt fest, welche Daten Sie brauchen, wie aufwendig die Berechnung wird und ob das Ergebnis die Anforderung Ihres Kunden überhaupt erfüllt. Dieser Beitrag erklärt die Systemgrenzen, zeigt die Unterschiede und hilft bei der Entscheidung.
Die Systemgrenze legt fest, welche Phasen im Lebensweg eines Produkts in die Berechnung einfließen. Sie wird zu Beginn jeder Bilanz im Rahmen von Ziel und Untersuchungsrahmen festgelegt, so sehen es die Ökobilanz-Normen ISO 14040/14044 vor, auf denen auch die ISO 14067 für Product Carbon Footprints aufbaut.
Ein typischer Produktlebensweg besteht aus diesen Phasen:
ISO 14067 erlaubt ausdrücklich beides: einen partiellen PCF, der nur einen Teil dieser Phasen abdeckt, und einen vollständigen PCF über den gesamten Lebensweg. Entscheidend ist, dass die gewählte Systemgrenze transparent dokumentiert wird.
Ein Cradle-to-Gate-PCF umfasst die Phasen 1 bis 3: alle vorgelagerten Emissionen aus Rohstoffen und Zukaufteilen, die Transporte zum Werk und Ihre eigene Herstellung. Die Bilanz endet, wenn das fertige Produkt das Werkstor verlässt. Ob der Transport zum Kunden noch dazugehört, regeln die einzelnen Standards unterschiedlich; im Zweifel sollten Sie das mit Ihrem Kunden klären.
Warum Industriekunden fast immer Cradle-to-Gate verlangen: Ihr Kunde nutzt Ihren PCF für seine eigene Bilanz, meist für die Scope-3-Kategorie 1 „Eingekaufte Waren und Dienstleistungen“. Was nach dem Werkstor mit Ihrem Produkt passiert – Weiterverarbeitung, Einbau, Nutzung –, bilanziert er selbst. Ein Cradle-to-Grave-Wert würde bei ihm also teilweise doppelt zählen.
Deshalb schreiben die großen Branchenstandards für den PCF-Austausch in der Lieferkette Cradle-to-Gate verbindlich vor: das Catena-X PCF Rulebook (Automobilindustrie), die TfS PCF Guideline (Chemie) und die PACT Methodology (branchenübergreifend). Mehr dazu in unserem Beitrag „Ihr Kunde fordert einen PCF nach Catena-X, TfS oder PACT“.
Vorteile:
Grenzen: Ein Cradle-to-Gate-PCF sagt nichts über die Klimawirkung in der Nutzung aus. Ein effizienteres Produkt kann in der Herstellung mehr Emissionen verursachen, über die Lebensdauer aber deutlich weniger. Partielle PCFs eignen sich daher nur eingeschränkt für vergleichende Aussagen zwischen Produkten, darauf weist auch die TfS PCF Guideline hin.
Ein Cradle-to-Grave-PCF umfasst alle sechs Phasen, also zusätzlich Distribution, Nutzung und Lebensende. Er zeigt die vollständige Klimawirkung eines Produkts.
Wann Cradle-to-Grave sinnvoll ist:
Herausforderung: Für Nutzung und Lebensende müssen Sie mit Szenarien arbeiten – etwa zu Lebensdauer, Betriebsstunden, Strommix im Einsatzland oder Recyclingquote. Diese Annahmen beeinflussen das Ergebnis stark und müssen nachvollziehbar dokumentiert werden.
Diese Fragen helfen bei der Entscheidung:
In der Praxis bewährt sich ein schrittweises Vorgehen: Zuerst einen belastbaren Cradle-to-Gate-PCF aufbauen, der Kundenanfragen erfüllt, und diesen bei Bedarf um Nutzung und Lebensende erweitern. Die Daten bis zum Werkstor bilden in beiden Fällen die Grundlage.
Die Wahl der Systemgrenze ist selten das eigentliche Problem – sie ergibt sich meist aus der Anfrage des Kunden. Die größere Hürde liegt davor: Für einen belastbaren Cradle-to-Gate-PCF braucht es vollständige Stücklisten, Materialien, Gewichte und Emissionsdaten für Zukaufteile. Genau diese Daten sind in vielen Unternehmen lückenhaft: In unserer PCF-Studie 2026 nennen die befragten Unternehmen fehlende Lieferantendaten und unzureichende Stammdatenqualität als größte Hürden, die Rücklaufquote von Lieferantendaten liegt bei nur rund 16 %. Warum das häufig schon an der Stückliste beginnt, zeigt unser Beitrag „Warum 80 % der PCFs an der Stückliste scheitern“.
Wenn Ihr Kunde einen PCF verlangt und Ihre Produktdaten dafür noch nicht vorbereitet sind, sprechen Sie uns an. Wir zeigen Ihnen, wie Sie trotz unvollständiger Daten zu einem prüffähigen Product Carbon Footprint kommen.

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