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Erkenntnisse aus der PCF-Praxis
Studien, Analysen und Erfahrungen aus Projekten mit Industrieunternehmen.
18. März 2026 · 4 Min. Lesezeit · Dr. Johannes Weibl

Die Diskussion rund um Product Carbon Footprints (PCF) wird häufig als methodische Herausforderung geführt. Standards wie ISO 14067 oder das GHG Protocol sind jedoch längst etabliert. In der Praxis zeigt sich ein anderes Bild: Der Engpass liegt nicht in der Berechnung, sondern in der Datenbasis. Genauer gesagt – in der Stückliste.
Für Sustainability Manager, LCA Specialists und Product Compliance Verantwortliche wird die BOM (Bill of Materials) damit zum kritischen Erfolgsfaktor. Wer hier keine belastbare Struktur hat, wird keinen belastbaren PCF erzeugen.
Ein PCF ist nur so gut wie die Daten, auf denen er basiert. Während die methodische Seite standardisiert und auditierbar ist, bleibt die Datenlage in Unternehmen oft fragmentiert, unvollständig und nicht für Sustainability-Bewertungen ausgelegt.

85% der Befragten in unserer diesjährigen PCF-Studie (2026) in Zusammenarbeit mit der LMU München geben an, dass weniger oder gleich 15% aller Ihrer Lieferanten Primärdaten liefern – davon ein erheblicher Anteil ≤ 5%
Das führt zu einem strukturellen Problem:
Die gesamte PCF-Pipeline – von der Datenerhebung über die Modellierung bis zum Reporting – ist nur so stabil wie ihr schwächstes Glied. Und dieses liegt in den meisten Fällen in der Stückliste.
1. Unvollständige Daten
In vielen Stücklisten (BOMs) fehlen relevante Komponenten oder zentrale Attribute. Kleinteile, Verpackungen oder elektronische Bauteile werden häufig nicht vollständig erfasst. Noch kritischer: Gewichte, Materialangaben oder Lieferanteninformationen sind oft nicht vorhanden.
Die Folge ist eine systematische Untererfassung von Emissionen – und damit ein verzerrtes Gesamtbild.
2. Falsche oder zu grobe Materialklassifikation
Materialangaben wie „Plastic“ oder „Metal“ sind für die Produktion ausreichend, für eine CO₂-Bilanz jedoch unbrauchbar. Ohne Differenzierung – etwa zwischen ABS, Polycarbonat oder glasfaserverstärkten Kunststoffen – lassen sich keine belastbaren Emissionsfaktoren zuordnen.
Ähnlich problematisch ist die fehlende Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundärmaterialien, insbesondere bei Metallen.
3. Inkonsistente Datenstrukturen
In der Praxis existieren oft mehrere Datenquellen: ERP, PLM, Excel-Listen. Materialien werden unterschiedlich benannt, Strukturen sind nicht harmonisiert, und es fehlt eine einheitliche Systematik.
Das Ergebnis ist ein hoher manueller Aufwand für LCA-Spezialisten – und eine erhöhte Fehleranfälligkeit.
4. Outsourcing als strukturelles Datenrisiko
Durch die langfristige Auslagerung von Produktion – insbesondere nach Asien – fehlt in vielen Unternehmen heute eine belastbare Datengrundlage. Stücklisten sind unvollständig, fragmentiert oder schlicht nicht mehr vorhanden, da Wissen über Materialien und Prozesse außerhalb der eigenen Organisation liegt.
Klassisches Daten-Enrichment greift hier zu kurz. Gefragt sind intelligente PCF-/BOM-Lösungen, die fehlende Strukturen rekonstruieren und mit Unsicherheiten umgehen können. Gleichzeitig wird sich dieser Trend weiter verstärken – bei steigenden Anforderungen an Transparenz.

Implikationen für Organisation und Steuerung
Die Folgen sind klar:
Richtig genutzt, kann die PCF-Thematik jedoch zum Hebel werden, um Transparenz zurückzugewinnen und die Steuerung entlang der Wertschöpfungskette wieder zu stärken.
Die Ursache liegt in der ursprünglichen Zielsetzung der Stückliste. Eine klassische Stückliste (BOM) ist auf Produktion, Einkauf und Kostenoptimierung ausgerichtet – nicht auf Nachhaltigkeit.
Es fehlen drei zentrale Dimensionen:
Damit ist die klassische Stückliste (BOM) funktional korrekt – bildet jedoch Nachhaltigkeitsanforderungen nicht ab.

Ein typisches Szenario aus der Praxis:
Ein elektronisches Produkt soll bilanziert werden. Die Stückliste enthält:
In der Folge müssen Annahmen getroffen werden: Durchschnittswerte, Proxy-Daten oder Schätzungen. Die Unsicherheit steigt schnell auf ±30 bis 50 Prozent.
Für das Management bedeutet das:
Ein PCF ohne belastbare Stückliste (BOM) ist nur eine grobe Näherung – keine Entscheidungsgrundlage.
Die zentrale Stellschraube liegt in der systematischen Aufbereitung der Stückliste. Ziel ist eine „PCF-fähige Stückliste (BOM)“, die als belastbares Datenmodell dient.
1. Standardisierung der Datenstruktur:
Klare Definitionen für:
Einheitliche Strukturen schaffen Vergleichbarkeit und Skalierbarkeit.
2. Material-Mapping:
Interne Materialbezeichnungen müssen systematisch auf LCA-Datenbankeinträge gemappt werden. Dafür braucht es:
3. Anreicherung fehlender Daten:
Nicht alle Daten werden sofort verfügbar sein. Entscheidend ist der strukturierte Umgang damit:
Transparenz ist wichtiger als vermeintliche Genauigkeit.
4. Integration in bestehende System:
Langfristig muss die Stücklisten (BOM)-Aufbereitung in bestehende Systemlandschaften integriert werden:
Die Stückliste erweitert sich damit von einem Kosten- zu einem relevanten Dateninstrument für Nachhaltigkeit.
Vorher (klassische Stückliste (BOM)):
Am Beispiel einer Steckverschraubung:

Nachher (PCF-fähige Stückliste (BOM)):

In der Praxis scheitern rund 80 % der PCF-Initiativen nicht an Methodik oder Tools, sondern an der Qualität der Stückliste.
Unternehmen, die ihre Stückliste (BOM) strukturiert und PCF-fähig aufbauen, schaffen sich einen klaren Vorteil:
Die Investition in Datenqualität zahlt damit direkt auf Nachhaltigkeit, Compliance und Wettbewerbsfähigkeit ein.

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